Über Vladimir Lepak
Vladimir Lepak studiert Humanmedizin an der Universität Zürich (UZH) und engagiert sich als Kursleiter für Nothelferkurse und lebensrettende Sofortmassnahmen. Sein grösstes Interesse gilt seit jeher dem Herzkreislaufsystem. Diese enorme Faszination für die Funktionalität und Mechanik des menschlichen Herzens treibt ihn nicht nur im Studium an, sondern macht auch seine Kurse zu einem eindrücklichen Erlebnis. In diesem Interview erklärt er, wie das Herz arbeitet, wo die kritischen Unterschiede bei medizinischen Herznotfällen liegen und weshalb Laien im entscheidenden Moment die wahren Lebensretter sind.
Das Wunderwerk Herzkreislauf
Vladimir, du studierst an der Uni Zürich Medizin und fokussierst dich stark auf das Herz. Was fasziniert dich an diesem Organ so besonders?
Das Herz ist der ultimative Motor des Lebens. Mich fasziniert vor allem die unermüdliche Präzision und Ausdauer: Es fängt lange vor unserer Geburt an zu schlagen und pumpt Tag und Nacht Blut durch zigtausende Kilometer Gefässe – komplett autonom, ohne dass wir auch nur einen Gedanken daran verschwenden müssen. Es verbindet Mechanik, Elektrik und Biologie in einem absolut faszinierenden, faustgrossen Muskel. Wenn man im Studium die komplexen Abläufe der Erregungsleitung oder die Hämodynamik bis ins Detail versteht, wächst der Respekt vor diesem Organ exponentiell.
Gleichzeitig macht es dieser zentrale Stellenwert aber auch zum verwundbarsten Punkt. Jede Minute, in der das Herz nicht richtig funktioniert, zieht den Rest des Körpers sofort in Mitleidenschaft. Genau dieses Spannungsfeld – die enorme Kraft einerseits und die Notwendigkeit von absolutem Schutz andererseits – macht die Kardiologie und die notfallmedizinische Erstversorgung so entscheidend.
Herzinfarkt, Herzversagen, Herzstillstand: Ein entscheidender Unterschied
Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Begriffe wie Herzinfarkt oder Herzstillstand oft vermischt. Warum ist es wichtig, die Unterschiede zu kennen, und wie können sich Laien diese am besten merken?
Das ist tatsächlich eine der häufigsten Verwechslungen! Ich erkläre es in meinen Kursen immer anhand eines Motor-Vergleichs. Es gibt drei prinzipiell unterschiedliche Probleme, die zwar ineinandergreifen können, aber ganz andere physiologische Ursachen haben:
🚰 1. Der Herzinfarkt (Das Rohrleitungsproblem)
Bei einem Infarkt verstopft ein Blutgefäss
(Herzkranzgefäss), das den Herzmuskel selbst
versorgt. Der Motor läuft noch, aber ihm fehlt der
Treibstoff an einer bestimmten Stelle. Der Patient ist in der Regel noch bei Bewusstsein,
klagt über starken Druck oder Schmerz in der Brust,
der oft in den Arm oder Kiefer ausstrahlt.
Massnahme: Sofort Notruf 144! Patient
ruhig lagern (Oberkörper hoch), absolute körperliche
Schonung, beruhigen.
⚙️ 2. Das Herzversagen / Herzinsuffizienz (Das Mechanikproblem)
Der Herzmuskel ist geschwächt und pumpt nicht
mehr effizient. Das Blut staut sich, z.B. in der
Lunge. Die Pumpe hat schlicht zu wenig Kraft. Akut äussert sich das oft durch extreme Atemnot,
rasselnde Atmung und Todesangst, oft aufbauend über
Stunden oder Tage.
Massnahme: Notruf 144! Aufrecht hinsetzen
lassen zur Erleichterung der Atmung, nicht hinlegen.
⚡ 3. Der Herzstillstand (Das Elektrikproblem)
Die elektrischen Signale des Herzens spielen
verrückt (Kammerflimmern) oder fallen ganz aus. Der Motor bleibt abrupt stehen. Der Patient bricht zusammen, verliert sofort das
Bewusstsein und atmet nicht mehr normal. In diesem
Moment hört der Blutkreislauf auf und das Gehirn stirbt
ohne Hilfe nach wenigen Minuten.
Massnahme: Notruf 144, sofortige Herzdruckmassage (Reanimation) starten und schnellstmöglich einen AED (Defibrillator)
einsetzen!
Ein Herzinfarkt kann Auslöser für einen Herzstillstand sein – muss es aber nicht. Das Wichtigste für Laien ist: Wenn jemand bewusstlos ist und keine normale Atmung mehr hat, handelt es sich um einen Herzstillstand. Dann zählt wirklich jede einzelne Sekunde.
Neueste Erkenntnisse: Was sagt die Swiss Resuscitation Council (SRC)?
Die Medizin entwickelt sich ständig weiter. Was sind die aktuellen Richtlinien der SRC für Laien in solchen Extremsituationen wie einem Herzstillstand?
Die SRC-Guidelines von 2021 (basierend auf den europäischen Richtlinien) haben die Vorgaben für Laien zum Glück extrem vereinfacht und den Fokus auf das Wesentliche gelegt: Schnelles Erkennen und ununterbrochene Kompressionen.
Das SRC BLS-AED Schema im Fokus
- Keine Pulskontrolle für Laien: Wenn die Person nicht ansprechbar ist und nicht normal atmet (Achtung: Schnappatmung ist KEINE normale Atmung!), wird sofort reanimiert. Keine Zeit verlieren.
- Push hard, push fast: Die Herzdruckmassage steht absolut im Zentrum! Frequenz: 100 bis 120 Mal pro Minute. Tiefe: 5 bis 6 cm tief drücken (bei Erwachsenen). Danach den Brustkorb wieder vollständig entlasten lassen, damit sich das Herz wieder mit Blut füllen kann.
- Beatmung ist zweitrangig geworden: Wenn man nicht geschult ist oder Hemmungen davor hat, Fremde zu beatmen, ist "Hands-only CPR" (nur drücken) ohne Pausen in den ersten Minuten absolut ausreichend. Das verbliebene Blut ist anfangs noch mit Sauerstoff gesättigt – es muss nur zirkulieren! Wer geübt ist, reanimiert im Verhältnis 30:2 (30x drücken, 2x beatmen).
- Der AED als Gamechanger: Der Automatisierte Externe Defibrillator ist das einzige Mittel, um das tödliche Herzkammerflimmern (das elektrische Chaos) zu durchbrechen. Ein Reset für das Herz. Sobald er verfügbar ist: Einschalten und einfach den Sprachanweisungen folgen.
Die Angst vor dem Fehler nehmen
Wenn jemand bewusstlos zusammenbricht, haben viele Menschen Angst, z.B. bei der Herzdruckmassage Rippen zu brechen. Was sagst du aus medizinischer Sicht als angehender Arzt dazu?
Ich sage dazu immer: Ohne Einsatz bist auch du klinisch tot! Ein Mensch ohne normale Atmung befindet sich im Sterbeprozess. Es gibt absolut nichts Schlimmeres, als nichts zu tun. Wir müssen verstehen, dass der Zustand nicht schlechter werden kann.
"Ja, bei einer guten, 5–6 cm tiefen Herzdruckmassage brechen manchmal Rippen. Aber was ist ein Rippenbruch gegen ein gerettetes Leben? Knochen heilen, Hirnschäden durch O2-Mangel sind irreversibel."
Das Gehirn stirbt bereits nach 3–5 Minuten ohne Sauerstoff ab. Der Krankenwagen braucht in der Schweiz aber durchschnittlich 10–15 Minuten. In dieser Lücke seid ihr die einzige Überlebenschance. Die Herzdruckmassage übernimmt manuell die Funktion des Herzens und hält das Restsauerstoff-Angebot für das Hirn aufrecht.
Warum praktische Firmenkurse (BLS-AED) unverzichtbar sind
Nothelferkurs Zürich bietet auch zertifizierte BLS-AED Kurse für Firmen an. Weshalb ist es so wichtig, dass Teams im Büro genau dieses Szenario zusammen üben?
Wir verbringen einen grossen Teil unseres Lebens am Arbeitsplatz. Wenn dort etwas passiert, z.B. ein Kollege während eines Meetings einen Herzstillstand erleidet, herrscht erst einmal absolutes Chaos. Die Handlungsfähigkeit bricht komplett zusammen, wenn niemand weiss, wer was tun soll.
Ein SRC-zertifizierter BLS-AED Kurs bringt Struktur in dieses Chaos. Es geht nicht nur in der Theorie darum, wo man drückt, sondern wir üben die reale Dynamik an Phantomen. Einer drückt, der Zweite alarmiert, der Dritte rennt sofort los, um den firmeninternen Defibrillator zu holen. Dieses koordinierte Zusammenspiel trainieren wir solange, bis das sogenannte „Muskelgedächtnis“ greift und die Hemmschwelle zur Aktion sinkt.
Wenn du die Faszination für Erste Hilfe teilen möchtest und dir zutrauen willst, im Ernstfall dein eigenes Team vor Ort zu retten:
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