Über Susanne Koller
Susanne Koller ist zertifizierte Nothelfer-Instruktorin. Sie bringt eine SGS-Zertifizierung, das SVEB-Zertifikat für Erwachsenenbildung sowie eine BLS-AED-Ausbildung mit und erfüllt damit bereits die strengeren Anforderungen, die ab 2027 für Nothelfer-Instruktor:innen gelten.
Bei uns leitet Susanne einzelne Nothelferkurse in Zürich sowie unsere englischsprachigen Kurse in Zürich, Zug und Luzern. Im Interview erklärt sie, warum entschlossenes Handeln wichtiger ist als Perfektion – und wie man Erwachsenen Erste Hilfe so beibringt, dass sie im Ernstfall abrufbar ist.
Erste Hilfe als Erwachsenenbildung
Susanne, du bist SGS- und SVEB-zertifiziert und unterrichtest Nothelferkurse auf Deutsch und Englisch. Was ist dir beim Unterrichten am wichtigsten?
Dass die Leute nicht nur ein Zertifikat mitnehmen, sondern das Gefühl, im Ernstfall handeln zu können. Die Massnahmen selbst sind nicht kompliziert: ansprechen, alarmieren, drücken, den AED holen. Schwierig ist, sie unter Stress abzurufen.
Die SVEB-Ausbildung dreht sich genau darum: Wie lernen Erwachsene? Sie bringen Erfahrungen, Ängste und Fragen mit – und sie lernen am besten, wenn sie selbst ausprobieren dürfen. Darum ist bei mir jeder Theorieteil kurz und jede Übung lang. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer soll ernst genommen werden und etwas für den Alltag mitnehmen.
Praktische Übungen sind der Kern unserer Nothelferkurse in Zürich
„Zeit ist entscheidend – aber nicht alles"
Alle sagen, bei einem Herzstillstand zählt jede Sekunde. Was zeigt die aktuelle Forschung – und was ist dir persönlich am wichtigsten?
Ja, Zeit ist brutal wichtig – aber ohne Handeln nützt auch die beste Zeit nichts. Die Daten sind ziemlich klar: Wenn Laien möglichst früh mit der Herzmassage beginnen, steigen die Überlebenschancen massiv.
Wissenschaftliche Fakten zur Reanimation
- 6x höhere Überlebenschance bei Reanimation innerhalb von 5 Minuten (Metaanalyse China)
- 8x höhere Chance auf Rückkehr des eigenen Kreislaufs (ROSC) mit Laienreanimation
- 2-2,5x höhere Überlebensrate bis zum Spitalaustritt mit Bystander-CPR (Europa/USA)
- 10-17% Verlust der Überlebenschance pro Minute Verzögerung bis zum ersten Defibrillator-Schock
Das unterstreicht: Wir brauchen beides – früh beginnen und qualitativ gute Massnahmen.
Entschlossenes Handeln statt Perfektionsdruck
Du betonst in den Kursen immer wieder „entschlossenes Handeln". Was heisst das konkret – und was sagen Studien dazu?
Viele Menschen wissen grob, was sie tun müssten, aber sie trauen sich nicht. Der grösste Feind ist nicht Unwissen, sondern Unsicherheit.
Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2025 hat gezeigt: Der wichtigste Faktor für die Bereitschaft, CPR und AED einzusetzen, ist die Selbstwirksamkeit – also das Vertrauen „Ich kann das". Je höher dieses Vertrauen, desto eher greifen Menschen tatsächlich ein.
Entschlossen heisst für mich:
- Erkennen – bewusst hinschauen, nicht wegschauen
- Entscheiden – „Ich mache etwas, auch wenn es nicht perfekt ist"
- Durchziehen – drücken, bis die Profis übernehmen
Gleichzeitig zeigen systematische Reviews, dass praktische CPR-Skills und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten schon nach 3–12 Monaten merklich abnehmen, wenn man nicht übt. Darum reicht ein einmaliger Kurs im Leben nicht.
Strengere Anforderungen ab 2027
Ab 2027 ändert sich beim Nothelferkurs einiges. Was bedeutet das für Instruktor:innen – und für die Teilnehmenden?
Für uns Instruktor:innen werden die Anforderungen strenger. Ich bin bereits entsprechend zertifiziert, das war mir wichtig. Für Teilnehmende ändert sich vor allem die Bestätigung: Ab 1. Januar 2027 gibt es keine Papierbestätigung mehr. Der Kursanbieter erfasst die Teilnahme innert 7 Tagen digital mit der FABER-PIN.
An den Inhalten ändert sich nichts Grundsätzliches – und auch nicht an meinem Anspruch: Alle Typen von Teilnehmenden abholen, von der ehrgeizigen Fahrschülerin bis zum nervösen Teilnehmer, der sich kaum traut zu fragen.
Aktiv zuhören
Was braucht der Mensch wirklich?
Einfach erklären
Komplexes ohne Fachchinesisch vermitteln
Vertrauen aufbauen
Wenn sich jemand gut abgeholt fühlt, kommt er wieder
Darum gilt im Kurs: Kein Überfahren mit Fachbegriffen, sondern Augenhöhe. Ich erkläre lieber dreimal und lasse alle selbst ausprobieren – bis sie nicht nur verstehen, warum etwas wichtig ist, sondern spüren: „Ich kann das wirklich."
Typische Mythen und klare Antworten
Was sind die häufigsten Mythen, die du in deinen Kursen rund um Reanimation und Erste Hilfe hörst?
❌ „Ich kann doch eh nichts tun, bis der Krankenwagen kommt"
Falsch! Früh begonnene Laienreanimation verdoppelt bis verdreifacht die Überlebenschance.
❌ „Ich habe Angst, etwas kaputt zu machen"
Natürlich kann man bei kräftiger Herzmassage eine Rippe brechen. Aber: Ohne Reanimation ist die Sterblichkeit praktisch 100%. Das Verhältnis Nutzen–Risiko ist eindeutig.
❌ „AEDs sind kompliziert, ich könnte mich vertippen"
Moderne AEDs sind extrem benutzerfreundlich. Sie analysieren selbstständig den Rhythmus und geben nur dann einen Schock frei, wenn er indiziert ist.
❌ „Ich war vor zehn Jahren im Kurs, das reicht schon"
Studien zeigen klaren Kompetenz- und Vertrauensverlust schon nach Monaten. Ein einmaliger Kurs ist besser als keiner – aber für echte Sicherheit sollte man regelmässig auffrischen.
Der Mensch im Zentrum – Medizin, Didaktik und Dienstleistung
Was macht für dich einen guten Nothelferkurs in Zürich aus – gerade aus Sicht einer Erwachsenenbildnerin?
🔬 Wissenschaftliche Fundierung
Inhalt muss sich an aktuellen Leitlinien orientieren (z.B. ERC-Guidelines 2021/2025 im Bereich Basic Life Support)
📚 Didaktische Qualität
Menschen lernen durch Tun, durch Missverständnisse, durch Fragen – nicht durch stundenlange Folien
❤️ Dienstleistungs-Mentalität
Wenn jemand den Raum verlässt, zählt wie er oder sie sich fühlt: informiert, ernst genommen, ermutigt
Eine Botschaft an zukünftige Kursteilnehmende
Wenn du zukünftigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Nothelferkurs Zürich eine Sache mitgeben könntest – welche wäre das?
„Du musst kein Profi sein, um ein Leben zu retten. Aber du musst bereit sein, den ersten Schritt zu machen."
Im Kurs holen wir dich genau dort ab: Wir übersetzen komplexe Notfallmedizin in klare, machbare Schritte – und wir üben sie so, dass sie im Ernstfall abrufbar sind. Entscheidend ist nicht, ob du dir jede Leitliniennummer merkst, sondern ob du dich traust, hinzuschauen, Hilfe zu rufen, zu drücken und den AED zu holen.
Wenn am Ende des Kurses jemand sagt:
„Ich habe immer noch Respekt – aber keine Angst mehr, etwas zu
tun"
dann war es ein guter Tag im Klassenzimmer.